Geschichte der Rettungsstelle

Den Bergrettungsdienst Sterzing gibt es nunmehr seit mehr als 65 Jahren. Im Verlauf dieser Jahrzehnte hat sich viel verändert, jedoch ist das Ziel immer das gleiche geblieben: in Not geratenen Menschen schnellstmöglich effiziente Hilfe zu bringen. Die Bergrettung wird heute nicht mehr nur dann gerufen, wenn ein Unglück am Berg passiert ist. Unser Wissen und unsere Fähigkeiten werden heute auch auf Skipisten, bei medizinischen Notfällen, Arbeits-, Verkehrs- und Freizeitunfällen eingesetzt.
Zum 60-jährigen Gründungsjubiläum 2007 feierte man die offizielle Einweihung des neuen Sitzes, und es wurde zu diesem Anlass eine kleine Broschüre mit folgendem Text verfasst.

Die Gründerjahre
Mit einfachsten Mitteln in Fels und Eis
Eiskurs bei der Plauenerhütte
Abtransport eines schwerverletzten Bergrettungskollegen
1952: Totenbergung am Tribulaun

Am 29. März 1947 erfolgte die Gründung der AVS-Sektion Sterzing, und Hand in Hand damit entstand der Bergrettungsdienst Sterzing. Damals sammelten sich einige Personen aus Sterzing – ca. 12 an der Zahl – um eine Rettungsgruppe zu formieren. Ausgegangen war die Idee zur Gründung einer solchen von der „Winkler-Staffel“, eines damals weitum bekannten Sport- und Freizeitclubs. Treibende Kraft war Ernst Leitner jun. und erster Rettungsstellenleiter war Ing. Luitpold Schmitz.

Was Ausrüstung und finanzielle Mittel betraf, war bei der Gründung der Rettungsstelle überhaupt nichts vorhanden. Dafür gab es aber viel Begeisterung, hervorragende Kameradschaft und Einsatzbereitschaft.

Als 1948 Sepp Heidegger das Amt des Rettungsstellenleiters übernahm, hatte die bergbegeisterte Gruppe die ersten Einsätze im Skigebiet Zirog-Brennerbad zu verzeichnen; seit Inbetriebnahme der Liftanlagen im gleichen Jahr versah die Mannschaft dort nämlich den sonntäglichen Pistendienst – einen der ersten seiner Art überhaupt.
Um die Pisten vor Lawinen zu sichern hat der Bergrettungsdienst Sterzing in Zusammenarbeit mit dem Militär auch die erste Lawinensprengbahn Südtirols gebaut.

Mitunter unglaublich zeit- und kraftaufwendig waren auch die ersten Sommerbergungen: der Abtransport von Verletzten war - wie bei widriger Witterung, Nacht oder Nebel übrigens auch heute noch - nur zu Fuß möglich.
Die Alarmierung erfolgte in den ersten Jahren ziemlich umständlich und sehr zeitraubend: mit dem Fahrrad wurden die verfügbaren Burschen zusammengetrommelt, bevor man dann zu Fuß, mit dem Fahrrad, manchmal auch mit einem Automobil aufbrechen konnte.

Erste Ausbildungskurse in Fels und Eis besuchten die Mitglieder meist in Nordtirol. Bei diesen Gelegenheiten wurde zumeist auch einiges an Ausrüstung – wie z.B. Karabiner, Eisschrauben und ein Grammingersitz - mit über die Grenze nach Südtirol geschmuggelt.

Weitere Rettungsstellenleiter waren: 1958-1959 Max Niedermair, 1959-1964 Sepp Heidegger und 1964-1967 Toni Knollenberger.
Die 70er und 80er Jahre: Zeit der Technisierung
Pistendienst und Winterübung in Zirog
1962: Bergung eines Toten vom Tatsch
1974: eine der ersten einheitlichen Einsatzbekleidungen
Hubschraubereinsatz mit dem Militär

Ernst Knollenberger, Rettungsstellenleiter 1967-1979, und seine Mannschaft bemerkten wie der Faktor Zeit an Einfluss gewann: immer schneller sollten die Retter einsatzbereit und am Unfallort sein. Zwar konnte der Kraftaufwand dank neuer Bergetechniken sowie auch modernisierter Rettungsgeräte erheblich reduziert werden, die Ansprüche einer zeitgerechten Bergung verlangten aber bald eine umfangreichere und intensivere Schulung.

Die ersten Hubschraubereinsätze des BRD Sterzing gehen auf die frühen 70er Jahre zurück, als die Mannschaft auf einen Militärhelikopter zurückgreifen konnte; damals keine Selbstverständlichkeit. Möglich war dies durch die guten Kontakte, so dass die Rettungsstelle von Sterzing eine der ersten war, die wiederholt ein Fluggerät des Militärs für Einsätze und Personenbergungen in Anspruch nehmen konnte.
In Sterzing gab es seit 1975 auch eine Bezirksnotrufzentrale, von welcher aus alle Rettungsorganisationen bzw. deren Mitglieder telefonisch alarmiert werden konnten.

In den 80er Jahren kam es zu einem starken Anstieg der Bergunfälle. Zurückzuführen war diese ständige Zunahme auf die fortschreitende Erschließung der Alpen einerseits und den jährlich größer werdenden Zustrom an Bergtouristen andererseits.

Prägend für die Entwicklungen des Sterzinger Bergrettungsdienstes in der Zeit des ausgehenden Jahrtausends war ohne Zweifel Hubert Trenkwalder, welcher von 1979 bis 2006 Rettungsstellenleiter war. In diesen Jahren der Technisierung hat er maßgeblich die Entwicklungen beeinflusst und dadurch dem BRD Sterzing landesweit eine Vorreiterrolle einnehmen lassen.

So wie vor allem in der Flugrettung Pionierarbeit geleistet wurde, war man auch in der Winterrettung richtungsweisend. Bereits in den 80er Jahren wurden Experten aus Österreich und der Schweiz für Schulungen nach Sterzing geholt.

Die Verbesserung der Funktechnik hat in diesen Jahren einen Meilenstein gesetzt. Sie ermöglichte eine grundlegende Erneuerung des Rettungswesens im Gebirge in Hinsicht auf Logistik und Einsatztaktik. War früher die Alarmierung noch sehr umständlich und zeitraubend, so ist heute jeder freiwillige Helfer mit einem Personenrufgerät ausgestattet und 24 Stunden am Tag abrufbar.


Der Wechsel in ein neues Jahrtausend
immer schon Grundausbildung: die regelmäßige Felsübung
Auch in der Nacht immer einsatzbereit
Hundeführer warten auf den Einsatz
Übungen werden bei schwieriger Witterung

Die Durchführung einer Rettung hat sich sehr stark verändert! Alarmierung per Handy, Einsatz von modernsten Rettungsgeräten, Beiziehung der Luftrettung, ärztliche Betreuung und vieles andere mehr. Bei Unfällen kann rasche und effiziente Hilfe nur dann geleistet werden, wenn die eingesetzten Retter in jeder (neu aufkommenden) Bergsportdisziplin über die hier geforderten besonderen Kenntnisse und Fähigkeiten sowie über die notwendige Ausrüstung verfügen.
Die Erwartungen bezüglich Geschwindigkeit und medizinisch kompetenter Versorgung sind im Zuge der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung ständig gestiegen – und sie steigen weiter. Ein Rettungswesen, das all diesen Anforderungen genügen soll, muss sich in einem permanenten Ausbildungsprozess befinden.

Nicht nur in Ausbildung wird investiert, sondern auch in die Unfallprävention. Seit 1997 wird das Sterzinger Lawinenseminar veranstaltet, zu welchem stets namhafte Lawinenexperten aus dem In- und Ausland als Referenten eingeladen wurden. Mit dieser Initiative will der BRD Sterzing einen zielführenden Beitrag für mehr Sicherheit am Berg leisten.

Viele technische Fortschritte hat es seit der Gründerzeit gegeben und damals Undenkbares ist heute selbstverständlich geworden: Frauen bei der Bergrettung sowie die Zusammenarbeit mit den italienischen Kollegen vom CNSAS, welche inzwischen zur Routine und somit ein Garant für eine optimale Leistung zugunsten der Verunfallten geworden ist.
Passend zum 60-jährigen Bestandsjubiläum kann heuer (2007) auch das neue BRD-Heim seiner Bestimmung übergeben werden. Es ist ein weiteres wichtiges Werkzeug, um den Rettungsdienst garantieren und effizient leisten zu können.

Auch wenn sich vieles geändert hat, eines galt damals wie heute: das Rettungswesen braucht Menschen, die sich moralisch dazu verpflichtet fühlen anderen zu Hilfe zu eilen“, sagt Peter Payrer, derzeitiger Rettungsstellenleiter. Ohne die Ehrenamtlichkeit und Freiwilligkeit aller Mitglieder in Organisation, Ausbildung und Einsatz wäre es unmöglich, diesen umfassenden Dienst auch in Zukunft derart weiterzuführen.

Die freiwilligen Retter praktizieren eine Form des Einsatzes, die in Zeiten zunehmender Professionalisierung und Spezialisierung oft unzeitgemäß anmutet - doch eine bessere Lösung hat noch niemand gefunden.
Die Bergrettung beweist auf schöne Art und Weise, was menschliche Begeisterung und Motivation zu leisten im Stande sind.